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"Zeitenwenden"

Gedanken und Anregungen zum EFM-Jahresthema 2025
Drawing a Straight Line

Forumsblog 04-2025

Jean Calvin oder: Religiöse als gesellschaftliche Transformation

 

Im Folgenden wird anhand des Wirkens von Jean Calvin in Genf und darüber hinaus in Thesenform aufgezeigt, wie reformatorische Anschauungen gesellschaftliche Strukturen verändern können, und was das für moderne Transformationsgesellschaften bedeuten kann.

 

These 1 Religion und gesellschaftliche Transformation:

Grundsätzliche Bemerkungen

 

Der Begriff „Transformation“ lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: Als Metamorphose (Formverwandlung) bedeutet religiöse Transformation z.B., dass Gott statt in den regulären Kreislauf der Welt einzugreifen den Schöpfungsprozess von einem „Einsamen“ zu einem „Gemeinsamen“ täglich neu in Gang hält (Langer)

Als Gesellschaftsveränderung bedeutet Transformation zwischen exogenen und endogenen Faktoren für religiösen Wandel sowie zwischen „religiösen“ und „kontextuellen“ Faktoren zu unterscheiden (Hock).

Als Selbst- und Lebensvervollkommnung bedeutet Transformation z.B die Wertschätzung von Ritualen und ihrer transformativen Dynamik (Hödl/Pock/Schweighofer).

Auch Texte unterliegen der Transformation, wie sich an der Hebraäischen Bibel aufzeigen lässt: Einerseits werden Bibeltexte dadurch transformiert, dass ihr feststehender Konsonantenbestand auf unterschiedliche Weise vokalisiert wird. Andererseits werden die Texte der Hebräischen Bibel von den Rabbinen herangezogen, um die Halacha, die konkrete Lebenspraxis, zu transformieren. (Grohmann). Ähnliches betrifft die Deutung von Pyramiden oder Hieroglyphen (Appel).

Transformation wird somit als eine Veränderung zwischen den Extremen von „Transsubstantiation“, also als Veränderung in der Substanz und „Veränderung unbedeutender Akzidenzien“ verstanden, wenn es weder darum geht, dass eine Sache aufhört zu sein und durch eine andere ersetzt wird bzw. eine andere wird, noch, dass die Sache gleichgeblieben ist bzw. immer noch dieselbe Sache ist; es geht vielmehr darum, Transformation als einen dynamischen Prozess zu verstehen, der aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich dramatisch erscheinen kann.

Im Folgenden sollen diese Aspekte am Beispiel Calvins näher erläutert werden, um herauszufinden, inwiefern sein Wirken in Genf als Transformation bestehender Verhältnisse und somit als eine „Zeitenwende“ interpretiert werden kann. Dabei gehen die thesenhaften Überlegungen von der Persönlichkeit Calvins aus, und erläutern vor diesem Hintergrund biografisch seine Kirchenordnung, in der seine individuellen Überzeugungen auf eine systemische Ebenen gehoben werden, und seine pädagogischen Ansätze, diese Regeln umzusetzen und nachhaltig zu machen. Den äußeren Ring bilden Evaluationsansätze in Gestalt moderner Interpretationen seines Wirkens.

Https://rat-blog.univie.ac.at/?p=863

 

 

These 2 Bekehrung als biografische Transformation

 

Auch wenn die folgenden beiden Zitate nur einen Bruchteil von Calvins Biografie widerspiegeln, beschreiben sie mit seinen eigenen Worten, wie er seine biografische Transformation erlebte:

 

In der Vorrede zum Psalmenkommentar (1557) schreibt Calvin:

Zunächst war ich dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig erlegen, dass es nicht leicht war, mich aus diesem tiefen Sumpf herauszuziehen. Darum hat Gott mein trotz seiner Jugend schon recht starres Herz durch eine unerwartete Bekehrung zur Gelehrsamkeit gebracht. Die Ehrfurcht vor der Kirche hatte mich lange davon abgehalten, mich von ihr zu trennen und zuzugeben, dass ich mein ganzes bisheriges Leben in Irrtum und Unwissenheit zugebracht hatte. /.../ Aber als ich erst einmal die Augen geöffnet hatte, begriff ich, dass die Furcht, ich könne der Hoheit der Kirche zu nahe treten, unbegründet war. Wir haben uns nicht von der Kirche geschieden und stehen nicht außerhalb ihrer Gemeinschaft. Unser Kampf gegen den Papst und seinen ganzen Anhang ist nichts anderes als das gegenwärtige Gegenstück zu dem Kampf, den die Propheten und Apostel gegen die Entartung der Kirche ihrer Tage geführt haben.

 

In der Responsio ad Sadoleti Epistolam (1539) berichtet Jean Calvin, dass er nur widerstrebend zur Erkenntnis des Evangeliums gelangt sei:

Durch die Neuheit abgestoßen, lieh ich (jenen Lehren) nur ungern mein Ohr; mit leidenschaftlichem Eifer widerstand ich ihnen; vor allem eins machte meinen Sinn abgeneigt: die Ehrfurcht vor der Kirche. /.../ Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, in welchem Abgrund von Irrtümern, in welchem Schmutz ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war, und begab mich, erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg.

 

Beide Zitate, die an Parallelen bei Paulus und Augustin erinnern, verdeutlichen, wie wichtig der biografische Ansatz für gesellschaftliche Transformationen, ihre Gestaltung und Interpretation ist. Das erweist sich in unterschiedlichen Kontexten, in denen es auf den emotionalen Gehalt von Grundsatzentscheidungen, z.B. im Blick auf Klimaschutz, Pazifismus oder ähnliche Entscheidungen ankommt.

 

 

These 3 Kirchenordnung als gesellschaftliche Transformation

 

Wie lässt sich die eigene Überzeugung in eine allgemeine Form bringen, die Zustimmung findet und eine gewisse Beständigkeit garantiert? Diese an Kants kategorischen Imperativ erinnernde Frage beschäftigte auch Calvin. Er beantwortete sie mit seiner Genfer Kirchenordnung, die vor allem auf dem Ämterprinzip basiert:

Es gibt vier Arten von Ämtern, die unser Herr zur Verwaltung seiner Kirche eingesetzt hat: erstens die Pastoren, zweitens die Lehrer, drittens die Ältesten, viertens die Diakonen. Wenn wir eine gut geordnete Kirche haben und sie instand halten wollen, müssen wir diese Form der Verwaltung beibehalten. Das Amt der Pastoren ist es, das Wort Gottes zu verkündigen, um zu lehren, zu ermahnen und zu tadeln, öffentlich und von Mensch zu Mensch, die Sakramente zu verwalten und zusammen mit den Ältesten die brüderliche Zucht zu handhaben. /…/ Um alle Ärgernisse zu vermeiden, die ein schlechter Lebenswandel bieten kann, muss man eine Zucht haben, der sich alle unterwerfen.

(Genfer Kirchenordnung von 1541)

 

Dieser kurze Ausschnitt verdeutlicht im Blick auf gesellschaftliche Transformation, auch in säkularen Kontexten kompetenzorientiert nach dem hier aufscheinenden paulinischen Modell vom Leib Christi vorzugehen. Bei der konkreten Projektumsetzung im Blick auf Klima- oder Pazifismus-Entscheidungen (s.o.) lassen sich innerhalb des Projektteams auf diese Weise Bedürfnis und Bedarf, Stärken, Schwächen und Interessen ausbalancieren.

 

 

These 4 Religiöser Unterricht als Metamorphose

 

Um ein weitgehend rigides Programm nachhaltig gegen Widerstände zu machen, bedarf es pädagogischer Vermittlung, wie aus entsprechenden Worten Calvins hervorgeht:

Alle Bürger und Einwohner haben ihre Kinder sonntags um die Mittagsstunde in den Religionsunterricht zu bringen oder zu schicken. Es soll ein bestimmter Plan aufgestellt werden, nach dem man sie unterrichtet, und neben der Belehrung, die man ihnen gibt, soll man Fragen an sie richten, um zu sehen, ob sie das Besprochene verstanden und behalten haben. Wenn ein Kind hinreichend unterwiesen ist und keinen weiteren Religionsunterricht mehr braucht, so soll es eine kurze Zusammenfassung dessen, was dort behandelt worden ist, feierlich aufsagen. Das soll zugleich ein Bekenntnis seines Christentums sein und vor der versammelten Gemeinde stattfinden. Bevor das geschehen ist, soll kein Kind zum Empfang des Abendmahls zugelassen werden und man weise die Eltern an, sie nicht vor der Zeit dazu mitzubringen. Denn es ist ein für Kinder und Eltern gleich gefährliches Unternehmen, sie teilnehmen zu lassen, ehe sie gut und ausreichend unterrichtet sind. Diejenigen, die ihre Kinder nicht zum Unterricht schicken, sollen vor die Versammlung der Ältesten geladen und, wenn sie auf gutes Zureden nicht gehorchen, soll Bericht erstattet werden. Um zu wissen, welche ihre Pflicht tun und welche nicht, sollen die Ältesten eine Aufsicht ausüben.

(Genfer Kirchenordnung von 1541)

 

Um ähnlich rigide Programme zum Klimaschutz bzw. Pazifismus zu verstehen und umzusetzen, hilft ein pädagogisches Modell, das statt der Unterschiede die Gemeinsamkeiten der Teilnehmenden betont (in Calvins Fall das taufbezogene gemeinsame Bekenntnis). Das kann z.B. durch einen entsprechenden Kontrakt oder auch durch gemeinsame Rituale, Symbole und Narrative als Corporate Identity geschehen.

 

 

These 5 Calvin-Interpretationen als Text-Metamorphosen

 

Wie der Begriff Calvinismus nahelegt, war Calvin auch für die folgenden Jahrhunderte prägend, vor allem in Frankreich und den angelsächsischen Ländern. Das lädt zum Nachdenken ein, wie Mustermodelle entstehen und wie sie für eigene Programme entwickelt werden können ("best practice").

Als Anregung können die folgenden Beispiele aus dem 20. Jahrhundert dienen:

Karl Barth beschreibt 1922 in einer Calvin-Vorlesung, wie ein solches Modell-Lernen aussehen könnte:

Der historische Calvin ist der lebendige Calvin [...] Ein noch so pietätvoller und getreuer Nachredner Calvins ist darum noch [...] kein von Calvin wirklich Belehrter. Unsere Belehrung durch Calvin muss sich vielmehr in der Weise vollziehen, dass Calvin mit uns ein Gespräch führt, er als Lehrer, wir als die Schüler, [...] ein Gespräch also, das möglicherweise damit endigt, dass wir als Belehrte nachher etwas ganz Anderes sagen, als was Calvin gesagt hat, und was wir darum doch von ihm oder besser: durch ihn gelernt haben. „Die Erwählungslehre ist die Summe des Evangeliums, weil dies das Beste ist, was je gesagt und gehört werden kann: dass Gott den Menschen wählt und also auch für ihn der in Freiheit Liebende ist.“

(Karl Barth, Die Theologie Calvins, 1922).

 

Kritischer sah Max Weber den Einfluss des Calvinismus, so wie seine Lehre im 16. Jahrhundert in Genf und Schottland, um die Wende des 16. und 17. in großen Teilen der Niederlande, im 17. in Neuengland und zeitweise in England selbst galt. Er schreibt:

Der Calvinismus wäre für uns die schlechthin unerträglichste Form der kirchlichen Kontrolle des einzelnen, die es geben könnte. Nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig von kirchlich-religiöser Beherrschung des Lebens war es ja, was gerade diejenigen Reformatoren, welche in den ökonomisch entwickelsten Ländern erstanden, zu tadeln fanden. /.../ für die englischen, holländischen und amerikanischen Puritaner war bekanntlich das gerade Gegenteil von „Weltfreude“ charakteristisch.

(Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, Tübingen 1934).

 

In Amerika war Jay Adams ein großer Anhänger Calvins und suchte seinen Ansatz für die Seelsorge (Nouthetic Counselling) unter dem Stichwort „Gottesfurcht“ fruchtbar zu machen. Er schreibt:

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es keine Wahlmöglichkeit gibt, gottesfürchtig zu sein. Die Worte des Paulus sind ein göttlicher Befehl, mit dem Gott uns sagt, dass wir uns zu diesem Zweck disziplinieren sollen. Gott möchte, dass seine Kinder gottesfürchtig sind. Es ist auch klar, dass er will, dass sie gottesfürchtig sind, denn er befiehlt ihnen, sich für die Gottseligkeit zu schulen. An anderen Stellen fordert er genau das . Er sagt zum Beispiel: „Seid heilig, wie ich heilig bin.“ und „Seid vollkommen, wie ich vollkommen bin.“ Es ist sicher, dass wir die Vollkommenheit in diesem Leben nie erreichen werden (1. Johannes 1,8), aber die vollkommene Gottseligkeit ist das Ziel, auf das jeder Gläubige hinarbeiten muss und auf das er jeden Tag zusteuern muss. Das bedeutet, jeden Tag mehr wie Gott selbst zu werden. Der gottesfürchtige Mensch führt ein Leben, das Gott

widerspiegelt. Gottesfurcht ist das Ziel des christlichen Lebens; wir müssen Gott gefallen, indem wir so sind, denken, tun, sagen und fühlen, wie er es von uns will.

(Jay Adams, Competent to Counsel, Zondervan, 1986).

 

Diese Äußerungen von Adams erlauben einen Einblick in die puritanische Form des Calvinismus, die momentan mit ihrem moralische Rigorismus und ihrer nationalistischen Ausrichtung (US-Amerikaner als „auserwähltes Gottesvolk“) die aktuelle US-Politik entscheidend prägt.

 

Diese drei Beispiele, sich mit Calvin auseinanderzusetzen – aus (erwachsener) Schülersicht, aus kritischer Soziologensicht und aus Adaptionssicht ermutigen Menschen, die auf der Suche sind nach Klima- oder Pazifismus bezogenen Vermittlungsmodellen oder bei der Entwicklung von Veränderungsprogrammen dazu, diese unterschiedlichen Perspektiven (begeistert, kritisch, kreativ) zu kombinieren. Gemäß dem Ansatz des Modelllernens (Bandura) hat diese Methode im Sinne der Transformation einen modellierenden und einen (ent)hemmenden Effekt, indem das aufmerksam beobachtete Verhalten in leicht erinnerliche Schemata umgeformt, klassifiziert und organisiert und schließlich umgesetzt und adaptiert wird.

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